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Chancen und Risiken der Digitalisierung: Der fernbediente Mensch | Presse/News | Walter Fenster + Türen

Presse/News

Kundenbefragung
GFF, 2. März 2017

Chancen und Risiken der Digitalisierung: Der fernbediente Mensch

Bei der Digitalisierung kommt es auf die Dosis an, diesen Standpunkt vertritt Dr. Frank Walter von Walter Fenster + TĂĽren in Kassel. In seinem exklusiven Gastbeitrag fĂĽr GFF spricht er sich fĂĽr Kommunikation und Handlung in der eigenen Umgebung aus, auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Beschleunigung und Entfremdung liegen sehr nahe beieinander, wie der Soziologe Hartmut Rosa die polartige Entwicklung so treffend beschreibt. Was wir heute erleben, gewinnt sicherlich noch mehr an Fahrt, an Bedeutung, an Relevanz, an Eingriff in die Freiheit. Hoffentlich trägt es uns nicht aus der Kurve. In einem Antiquariat im morbide wirkenden Bad Karlshafen bei heftigen Regenschauern – ein Tee-Trink-Tag wie aus dem Lehrbuch – entdecke ich den Buchtitel: "Das Telephon, seine Möglichkeiten" oder so ähnlich. Erschienen vermutlich in den 50er-Jahren. Ich traute mich nicht, es durchzublättern, geschweige es zu kaufen. Denn mit Sicherheit konnte der Autor nicht sehen, was heute passiert: Der Online-Shop steckt in der Hosentasche – das Wissen der Welt abrufbar. Das war einmal ein Telefon, und ist jetzt Fernbedienung für vieles. Von A wie Alarmanlage oder auch Amazon, über K wie Kamera oder S wie SmartHome bis zu T wie Telefon oder Z wie Zalanado. Live-TV: kein Problem. Bankgeschäfte: sowieso. Das Thema Datenschutz und Datenverfolgung lasse ich hier einmal außer Acht. Nur so viel: Die Brave New World-Szenerie aus unserer Schulzeit ist Realität geworden. Die FAS titelte im Januar 2017: "Putin wählte Trump". Eine furchtbare Vorstellung aus der Welt der Cyberkriminalität.

Wer nicht mitzieht, ist out

Anytime, anywhere: das ist die Losung der global agierenden Wirtschaft. Ermöglicht durch die digitale Revolution und die mobilen Geräte – der Funkzelle sei Dank. Das meine ich durchaus ernst, aber auch mit einer Note Sarkasmus durchsetzt. Denn es bedeutet auf der anderen Seite der Medaille eben auch etwas anderes. Einmal ist das demografisch bedingte Nutzerverhalten ein Thema: Wer nicht mitzieht, ist out. Ich nenne es schnelles Altern, trotz selbsterklärender Software werden Menschen abgehängt. Ein weiteres Phänomen ist die virtuelle Welt. Das trifft vielleicht eher die jüngeren und ganz jungen Nutzer. Es ist überhaupt kein Problem, in einer, zwei oder mehr Welten zu leben. Realitätsverlust wird zur Gefahr. Neulich hänge ich am E-Mail-Programm. Eine Annonce lockte. Ein Mensch aus Schweden will einen Traum verkaufen: eine Mercedes Pagode von 1967, Topzustand und guter Preis. Schnell wird klar, da ist ein Betrüger auf der anderen Seite des Bildschirms unterwegs. Dazu nur ein Stichwort: Das Web ist auch Tummelplatz für Unseriöses. Nicht alles, was Schwarz auf Weiß auf dem Monitor erscheint, ist glaubhaft. Allerdings tausche ich mich per E-Mail in Sekundenbruchteilen mit einem Interessenten für Fenster auf der anderen Seite des Globus aus. Das sind dann die positiven Facetten der Technik. Man kann die Technik folglich gut nutzen – wenn man nicht gerade von ihr benutzt wird.


Aus-Zeit als Selbstversuch

Elektronisches Sabbatical – das wäre doch ein Thema für die Gurus der coachenden Zunft. Und eine Geschäftsidee. Eine im wahrsten Sinne des Wortes „Aus-Zeit“ ins Off, die man vermutlich erlernen muss – und dafür dann bezahlen darf. Heraus aus dem sich immerwährend drehenden Riesenrad in eine andere Welt. Die von gestern? Die von morgen wohl kaum – aber in eine andere. Geht das überhaupt noch: in den Wald pilgern ohne Smartphone, Erreichbarkeit, Navigation? Oder auf einem Steg am See sitzen, von einer Düne auf das Meer stieren ohne kabellose Verbindung? Alle Kommunikationskanäle ausgeschaltet bis auf die eigenen fünf Sinne und unsere Sprache sowie Gestik? Es ist einen Versuch für sich selbst wert. Und er wird Wert haben.

Absurd und gefährlich werden die Funkzellengeräte – Italiener sagen übrigens liebevoll Telefonino – durch die Nachrichtenverteilung in den sog. sozialen Medien. Jeder ist sein eigener Redakteur – und das live! Ob Text, Foto oder Video, der Einzelne ist immer schneller als Presse, TV und Radio zusammen. Das macht es für seriöse Journalisten und Redaktionen auch so schwer, Nachrichten und Bilder, die schon laufen, zu kommentieren, auszuwerten, zu stoppen. Transparenz und Nachrichtenfreiheit sind gut, auch über Grenzen hinweg. Aber grenzenlos ist eben schlecht. In Afrika ist das Mobiltelefon mittlerweile auf einem unglaublichen Vormarsch. Millionen neuer Nutzer kommen jährlich hinzu. Das Telefon ist hier auch Bank. Bei fehlendem Netz von Kreditinstituten dient die SIM-Karte als Sparbuch, Konto und Überweisungsträger. Ein toller Nutzen, eine einträgliche Geschäftsidee. Doch eröffnen sich gleichfalls ganz andere Szenarien: Was, wenn ein Shitstorm aus falschen Nachrichten loslegt? Die Meerenge von Gibraltar misst nur um die 60 nautische Meilen.


Fake News oder Tatsache?

Die Frage stellt sich: Wie weit darf die Freiheit gehen und wie wichtig sind Filter? Wo ist die Grenze zwischen sauberem Filter aus journalistischer objektiver Recherche und schmutzigem Filter der politischen Propaganda? Welche Nachrichten sind echt und gehaltvoll, welche ein Fake? Was und wem kann man glauben – was und wem nicht? In der Natur konnte sich der Mensch auf seine Instinkte verlassen, für den digitalen Dschungel hat der liebe Gott die Sinne möglicherweise nicht geschärft. Das ist keine Kritik an der Schöpfung, sondern ein philosophisches Fragezeichen oder gar ein Kriterium, die Entwicklung in Frage zu stellen. Auch hier wieder eine diametrale Szenerie: Entlastende Supertechnik oder Krake? Was wird kommen? Mensch-Maschine-Kommunikation ist so ein Plätzchen, wo unklar ist, ob die Sonne scheint oder eher der Schatten dominiert.

Die Flut der E-Mails hat Rosa bildlich dargestellt als einen Hang, der einen ständigen Erdrutsch beherbergt. Man läuft die Rolltreppe hinauf, kommt aber niemals an. Frank Schirrmacher sah in seinem Buch "Payback" den Menschen mit seinen Möglichkeiten ersetzt durch Mechanik und Technik. Roger Willemsen prangert die Rasanz an, mit der vieles geschieht und auf uns wirkt. Jetzt male ich Schwarz: Guido Westerwelles umstrittene plakative Aussage von der Gefahr der römischen Dekadenz in Sachen Wirtschaftsentwicklung ist eine weitere These für die Entfremdung oder Entfernung von der Arbeit. Aber von allein passiert halt nichts. Und die sozialen Netze werden kollabieren, wenn die Arbeit abwandert nach Indien, China oder Afrika. Schirrmacher, Westerwelle, Willemsen: Alle drei sind leider nicht mehr unter uns. Ihre Köpfe, ihre Philosophie und ihre Plädoyers fehlen.

Die reale Welt braucht ihren Platz

Wir werden die Entwicklung und auch die durch die Technik generierten Vorteile nicht aufhalten können. Denken wir nur an die positiven Effekte und Möglichkeiten der SOS-Rufe oder der Telemedizin. Aber ein Umdenken an der ein oder anderen Stelle ist wichtig. Wenn wirklich zirka 47 Prozent der Jobs in den westlichen Gesellschaften von der digitalen Welle betroffen und sogar überflüssig sein könnten, haben wir es in der Hand: an dem ein oder anderen Punkt weglegen und die Iris scharf stellen auf Kommunikation und Handlung in der eigenen Umgebung. Das ist nicht räumlich gemeint. Das kann Region bedeuten, Familie, Freundeskreis, Branche oder Positivliste, aber auch Kontinent. Aber eben nicht: Anonymität pflegen.

Übrigens braucht eine erfolgreiche Volkswirtschaft nach wie vor Menschen, die körperliche und handwerkliche, auch künstlerische Tätigkeiten ausführen. Diese reale Welt darf nicht an den Rand gedrängt werden durch die virtuelle Welt. Ranglisten haben sich verschoben, Wertvorstellungen geraten auf die schiefe Ebene. Anspruchshaltungen werden überzogen. Beispiele gefällig? Eltern erstreiten sich juristisch Rückerstattungen von kommunalen Kitas, nachdem das Personal dort streikte. Oder das örtliche Printmedium berichtet von einem nicht abgeholten Tannenast durch die Müllabfuhr im Rahmen der kostenfreien Abholung von Weihnachtsbäumen. So darf Wohlfahrtsgesellschaft nicht ticken!

Offen sein, kritisch bleiben

Ich begann zu zweifeln, ob dieser Text nicht zu dunkelgrau und negativ gepolt ist. Doch dann kam sozusagen präsidiales Licht hinein. Denn kein Geringerer als Bundespräsident Joachim Gauck griff das Thema in seiner Abschlussrede auf. Ich zitiere: "Wir leben in rauen Zeiten: Oft ist nicht mehr erkennbar, was wahr ist und was falsch. Vor allem in den sozialen Netzwerken wird fast grenzenlos gelogen, beschimpft, verletzt. Ausländische Mächte betreiben zudem gezielt Informationskriege zur Destabilisierung anderer Staaten. Das fällt umso leichter, als Emotionen für die Meinungsbildung oftmals entscheidender geworden sind als Fakten. Wir sollten uns aber vor Augen führen: Wenn wir nur noch das als Tatsache akzeptieren, was wir ohnehin glauben, wenn Halbwahrheiten, Interpretationen, Verschwörungstheorien, Gerüchte genauso viel zählen wie Wahrheit, dann ist der Raum freigegeben für Demagogen und Autokraten."

Ich möchte kritisch bleiben, Individualität pflegen und Innovationen gegenüber sehr offen sein – aber vor allem die Quellen von Information hinterfragen, die richtigen Quellen sortieren sowie warnen vor zu viel Fremdsteuerung und rufen nach mehr Reflektion, Verantwortung und durchaus – nun kommt ein Spagat – regionaler Ökonomie. Beispiel: Bauboom und Handwerk hat goldenen Boden. Die Wahrheit ist trotz gebetsmühlenartig anderslautender Meldungen der Handwerkskammern, dass dieser Wirtschaftszeig an Boden verliert! Die DZ-Studie 2017 zeigt eindrucksvoll den Rückgang an Handwerksleistung an der Gesamtleistung (BIP) in Deutschland. Hier geht eine Schere auf, die niemand wahrnehmen möchte. Das ist kein Zufall. Wir hatten nie so viel Transparenz in der Nachrichtenlage, aber auch nie so viel Falsches auf dem Bildschirm.

Von der Kette lösen

Und schauen Sie doch bitte, was mit dem inhabergeführten Einzelhandel auch in der Kasseler Innenstadt geschehen ist. Ich stelle mich nicht gegen den Wandel; der Lebenszyklus von Produkten und Unternehmen ist eine wirtschaftliche Realität. Die Zyklen dienen auch der Innovation. Aber Ursache und Wirkung muss man beleuchten dürfen, um zu reagieren. Ich rufe auch nach einem Mehr an Instinkt sowie nach Rücksichtnahme, um um Technik verlängerte Gliedmaßen sinnvoll zu nutzen. Über den Tellerrand zu schauen, bleibt wichtig. Ich rufe nicht auf zu Protektionismus. Mein Ansatz ist der Diskurs.

In aller Kompression und KĂĽrze zum Schluss:

  • Digitalisierung bietet neue Chancen und Perspektiven vor allem fĂĽr das globale Wirtschaften, die Vernetzung, die schnelle Kommunikation in Medizin, Technik und moderner Produktion – hier ist sie nicht aufzuhalten und auch notwendig.
  • Produkte werden vergleichbarer, Vorteile durch Soft Skills sinken – das ist fĂĽr die kleinteiligere Wirtschaft und den Einzelhandel durchaus auch nachteilig.

Im Kern heiĂźt das: Wir dĂĽrfen als Individuum nicht an der digitalen Kette festgebunden sein, uns nicht festbinden und verfolgen lassen. Das ist auch ein liberaler Standpunkt.

Das Plädoyer kann neben oder trotz globaler Bespannung nur heißen: Nahbedienung. Das ist der regionale Handwerker genauso wie der Lebensmittelmarkt um die Ecke. Das ist der Hausarzt. Das ist der Lehrer. Das ist die Polizeistreife. Das ist die Eckkneipe. Das ist der Jeans-Laden und der Raumausstatter. Das ist der Talk über den Gartenzaun.  Aber auch der Einzelhändler, der Herrenausstatter und der Schuh-Shop in der City. Das ist die Mittagspause unter Kollegen oder das Meeting im Serviceclub. Und die Face-to-Face-Kommunikation generell zwischen Menschen in allen Lebenslagen. Ob im Business oder im Privaten: Nahbedienung statt Fernbedienung! Denn bei Digital gilt: Die Dosis macht es aus.

Der fernbediente Mensch

© gff-magazin.de 2017

Veröffentlicht: 03.03.2017


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© Walter Fenster+Türen
Datum des Ausdrucks: 21.10.2017